Jacques-Louis David (1748-1825)
war der führende Maler des französischen Klassizismus. Er war ein politischer Aktivist, der die Französische Revolution unterstützte und später zum offiziellen Hofmaler von Napoleon Bonaparte wurde. Sein Werk „Der Schwur der Horatier“ (1784) ist eines seiner berühmtesten Gemälde und ein ikonisches Beispiel für die Ideale des Klassizismus. Es erzählt die Geschichte eines legendären Ereignisses aus der römischen Geschichte, das die Tugenden von Mut, Opferbereitschaft und Loyalität gegenüber dem Staat hervorhebt.
Der Bruderkrieg zweier Städte
Im 7. Jahrhundert v. Chr. ist Rom noch eine junge, aufstrebende Stadt. Ihr härtester Rivale ist die benachbarte Stadt Alba Longa. Beide Städte sind eigentlich eng verwandt – sie teilen dieselbe Sprache und dieselben Vorfahren –, doch der Hunger nach Macht treibt sie in einen blutigen Krieg. Als sich die Armeen gegenüberstehen, bereit für eine Schlacht, die beide Seiten ausbluten lassen würde, macht der König von Alba Longa einen Vorschlag: Statt zwei ganze Armeen zu opfern, soll ein Stellvertreterkampf entscheiden. Drei Kämpfer aus Rom gegen drei Kämpfer aus Alba Longa. Die Stadt, deren Kämpfer siegen, soll über die andere herrschen.
Die Familien
Das Los fällt auf zwei Familien, drei Söhne der Horatier sollen für Rom und drei Söhne der Curiatier für Alba Longa kämpfen. Doch hier liegt die Tragödie: Die Familien sind durch Liebe und Blut untrennbar verbunden. Camilla, die Schwester der Horatier, ist mit einem der Curiatier verlobt. Gleichzeitig ist die Frau eines der Horatier, Sabina, eine gebürtige Curiatierin. Egal wer siegt, die Frauen werden entweder ihre Brüder oder ihre Ehemänner und Verlobten verlieren.
Der Schwur - der Moment im Gemälde
Davids Gemälde zeigt genau den Moment, bevor die Männer auf das Schlachtfeld ziehen. Der Vater der Horatier hält die Schwerter hoch. Er verlangt von seinen Söhnen den ultimativen Eid: Sieg oder Tod für das Vaterland. Die Söhne recken die Arme zum Gruß, ihre Körper sind gespannt wie Stahlfedern. Sie haben sich entschieden: Die Pflicht gegenüber dem Staat steht über der Liebe zur Familie. Im Hintergrund sieht man die Frauen in sich zusammengesunken.
Der Kampf: Einer gegen Drei
Auf dem Schlachtfeld sieht es düster aus für Rom, da zwei der Horatier schon zu Beginn fallen. Der letzte verbliebene Bruder steht allein gegen alle drei Curiatier. Das Volk von Alba Longa jubelt bereits. Doch der letzte Horatier ist unverletzt, während die drei Curiatier alle verwundet sind. Er erkennt, dass er gegen drei gleichzeitig keine Chance hat und flieht. Die Curiatier verfolgen ihn, doch aufgrund ihrer unterschiedlichen Verletzungen sind sie unterschiedlich schnell. So werden sie voneinander getrennt. Als der Horatier sieht, dass der erste Verfolger weit vor den anderen ist, wirbelt er herum und erschlägt ihn. Dann stürzt er sich auf den zweiten und schließlich auf den dritten, der vor Erschöpfung und Wunden kaum noch das Schwert halten kann. Damit hat Rom gewonnen.
Das bittere Ende
Der siegreiche Horatier kehrt im Triumphzug nach Rom zurück. An der Stadtgrenze trifft er auf seine Schwester Camilla. Doch statt zu jubeln, bricht sie in Tränen aus, als sie den blutigen Mantel ihres Verlobten sieht, den ihr Bruder als Trophäe trägt. Sie verflucht ihren Bruder und ganz Rom für diese Grausamkeit. Außer sich vor Zorn über diesen „Verrat“ an der staatlichen Ehre, zieht der Bruder sein Schwert und ersticht seine eigene Schwester mit den Worten: „So ergehe es jeder Römerin, die um einen Feind trauert!“
Dieser düstere Epilog macht deutlich, worum es in dieser Geschichte wirklich geht: Die absolute, fast schon monströse Unterordnung des Individuums unter den Staat – ein Thema, das David im Vorfeld der Französischen Revolution bewusst als moralisches Vorbild wählte. Obwohl Jacques-Louis David „Der Schwur der Horatier“ bereits 1784 malte – also fünf Jahre vor dem Sturm auf die Bastille –, gilt das Bild als das künstlerische Vorbeben der Französischen Revolution.
Das Ideal des „Citoyen“ (Staatsbürgers)
Vor der Revolution war Frankreich eine absolutistische Monarchie, in der das Individuum ein „Untertan“ des Königs war. Davids Bild propagierte ein völlig neues Menschenbild: den Citoyen. Wie auch die Horatier so sieht der Staatsbürger das Wohl des Staates als Pflicht, die er über persönliche Gefühle und familiäre Bindungen stellt. Die asketische Darstellung der Horatier bildet einen strengen Kontrast zu dem barocken Luxus, in dem der französische Adel schwelgte. Das Bild forderte Tugend, Disziplin und Opferbereitschaft – Werte, die zum Kern der revolutionären Rhetorik wurden.
Die Ästhetik des Widerstands
David brach radikal mit dem damals herrschenden Stil. Das Rokoko war verspielt, erotisch und weich (Pastellfarben, schwebende Figuren). Der Klassizismus der Horatier war hart, klar und männlich. Diese ästhetische „Reinigung“ wurde von den Revolutionären als politisches Statement verstanden: Weg mit der künstlichen Welt des Hofes von Versailles, hin zur „natürlichen“ und „wahren“ Stärke des Volkes.
Die Umdeutung eines königlichen Auftrags
Ironischerweise wurde das Bild von König Ludwig XVI. in Auftrag gegeben. Der Hof wollte eigentlich ein Werk, das die Treue zum Monarchen stärkt. Doch David schuf etwas Ambivalentes: Der Schwur gilt nicht einem König, sondern dem Vaterland (la patrie) und einer abstrakten Idee von Freiheit und Ehre. Als die Revolution 1789 ausbrach, wurde das Gemälde sofort umgedeutet. Die drei Brüder wurden als Symbole für die Einheit der drei Stände oder ganz allgemein für den bewaffneten Widerstand gegen die Tyrannei gesehen.
Ein visueller Vorbote des „Terrors“
Man kann das Bild auch als düstere Vorahnung sehen. Die kompromisslose Haltung des Vaters („Sieg oder Tod“) und die spätere Ermordung der Schwester Camilla durch den eigenen Bruder (weil sie um einen Feind trauerte) spiegeln die Radikalität der Schreckensherrschaft (La Terreur) wider. Dort galt ebenfalls: Wer nicht bedingungslos für die Revolution ist, ist ein Verräter – selbst, wenn er zur eigenen Familie gehört.