Etymologie
Der französische Maler Gustave Courbet gilt als der wichtigste Vertreter des Realismus. Tatsächlich verdanken wir ihm sogar den Namen dieser Kunstrichtung. Als seine Werke 1855 von der offiziellen Weltausstellung abgelehnt wurden, eröffnete er kurzerhand seine eigene Ausstellung in einem Holzschuppen direkt daneben. Über den Eingang schrieb er schlicht: „Le Réalisme – G. Courbet“.
Gustav Courbet: Die Steinklopfer. 1843 - 1845, Öl auf Leinwand, 45 x 54 cm, Privatsammlung.
„Ich male keine Engel, denn ich habe noch nie einen gesehen.“
Statt mythologischer Wesen malte Courbet Menschen bei der harten Arbeit, wie zum Beispiel in seinem Werk „Die Steinklopfer“ (siehe oben). Dadurch, dass man die Gesichter der Steinklopfer nicht sieht, bleiben die Arbeiter annonym und wirken nicht wie Einzelpersonen, sondern wie Symbole für eine ganze Gesellschaftsklasse. Courbet zeigte ungeschönt das Elend der unteren Schichten und übte damit erstmals soziale Kritik in der Kunst aus. Dass er diese „banalen“ Alltagsszenen auf riesigen Leinwänden darstellte (die damals eigentlich für Könige und Helden reserviert waren), empfand das konservative Publikum als Provokation und Beleidigung der Kunst.
Gustav Courbet: Die Kornsieberinnen, 1845 - 55, 131 x 167 cm, Musée des Beaux-Arts de Nantes
Realismus in Deutschland: Menzel und der Blick auf die Industrie
Während in Deutschland viele Künstler noch der romantischen Verklärung anhingen, gab es Ausnahmen wie Adolph von Menzel. Er war ein anerkannter Maler, der die Gesellschaft seiner Zeit genau beobachtete. In seinem Werk „Das Eisenwalzwerk“ zeigt er die Arbeiter in einer Fabrik, die von riesigen Maschinen umgeben sind. Die Menschen wirken winzig und hilflos im Vergleich zu den gigantischen Apparaten, die sie bedienen. Menzel zeigt die harte Realität der Industrialisierung und regt den Betrachter dazu an, über die Auswirkungen des Fortschritts auf die Menschheit nachzudenken.
Sowohl Courbet als auch Menzel brachen mit der Tradition. Kunst sollte kein „Luxusgut“ für das stille Kämmerlein mehr sein, sondern ein öffentliches Medium, das die echte Wirklichkeit – inklusive ihrer Schattenseiten – ungeschönt zeigt.
Adolph von Menzel: Das Eisenwalzwerk (Moderne Cyklopen), 1872–1875, Öl auf Leinwand, 158 × 254 cm , Alte Nationalgalerie, Berlin
Leibles schonungslose Sachlichkeit
Wilhelm Leibl (1844–1900) gilt als der bedeutendste Vertreter des deutschen Realismus. Sein Stil war geprägt von einer fast schonungslosen Sachlichkeit, mit der er vor allem das bäuerliche Leben in Oberbayern dokumentierte. Leibl lehnte jede Form von Kitsch, Romantik oder Idealisierung ab. Er malte die Menschen so, wie sie waren – mit groben Händen, faltiger Haut und in einfacher Kleidung. Sein Hauptwerk „Drei Frauen in der Kirche“ zeigt Detailreichtum: Jede Falte in den Trachten und jede Linie in den Gesichtern der verschiedenen Generationen ist präzise erfasst, ohne die Szene künstlich zu verschönern.
Wilhelm Leibl: Drei Frauen in der Kirche, 1881, Öl auf Holz, 113 x 77 cm, Hamburger Kunsthalle
Millets stille Würde
Jean-François Millet (1814–1875) war ein Mitbegründer der Schule von Barbizon und einer der bedeutendsten Maler des französischen Realismus. Anders als Courbet, dessen Werke oft politisch provokant wirkten, konzentrierte sich Millet auf das würdevolle, aber harte Leben der Landbevölkerung. Für Millet war die Natur kein romantischer Rückzugsort, sondern der Schauplatz eines lebenslangen Überlebenskampfes. In seinen Bildern zeigt er die Bauern bei der Arbeit, wie sie Getreide ernten oder Ähren lesen. Dabei stellt er die Menschen nicht als Opfer dar, sondern als starke und stolze Individuen, die trotz ihrer harten Lebensbedingungen eine tiefe Verbindung zur Natur haben. Millets Werke sind von einer stillen Würde geprägt und zeigen, dass auch das einfache Leben auf dem Land eine eigene Schönheit und Bedeutung hat.
Jean-Francois Millet: Die Ährenleserinnen, 1857, Öl auf Leinwand, 84 x 111 cm, Musée d'Orsay in Paris
Daumieres soziale Isolation
In seinem Werk „Das Abteil dritter Klasse“ zeigt Honoré Daumier die ungeschönte Kehrseite der industriellen Revolution, indem er die Enge und Anonymität des modernen Massentransports darstellt. Obwohl die Passagiere in dem dunklen Eisenbahnwagen dicht nebeneinander sitzen, herrscht eine bedrückende soziale Isolation, da jeder in seine eigenen Sorgen vertieft ist und kein Blickkontakt stattfindet. Im Zentrum der Komposition stehen eine erschöpfte alte Frau, eine junge Mutter beim Stillen und ein schlafender Junge, die gemeinsam die schwere Last des Alltags der arbeitenden Schicht repräsentieren. Daumier, der eigentlich als politischer Karikaturist berühmt war, verzichtet hier auf seinen üblichen Spott und nutzt stattdessen einen fast skizzenhaften Stil, um tiefes Mitgefühl für die einfachen Leute zu wecken. Das Gemälde gilt heute als eines der ersten großen psychologischen Porträts des modernen Stadtlebens, da es eindringlich vermittelt, wie sich die Menschen in einer zunehmend technisierten Welt fühlten.
Honoré Daumier: „Abteil dritter Klasse“, 1862–1864, Öl auf Leinwand, 65 x 90 cm, National Gallery of Canada, Ottawa